Deutscher Gewerkschaftsbund

29.02.2016
Lübecker Armutskonferenz 2016

Chancengerechtigkeit - Bildung und Übergänge

Chancengleichheit

Sadeugra, iStock Photo

In den vergangenen 10 Jahren haben die Veranstalter aus sozialen Organisationen, Gewerkschaften und das Lübecker Jobcenter zunächst verschiedene Aspekte der Armut beleuchtet und im Schwerpunkt dabei kommunale Verantwortung und Handlungsoptionen dargestellt.

Von Anbeginn wurde deutlich, welche herausragende Bedeutung das Thema Bildung bei der Armutsbekämpfung und vor allem bei der Armutsprävention hat. Es liegt in der Natur des Aufbaus bildungspolitischer Verantwortung im bundesdeutschen föderativen System, dass man dabei den kommunalen Rahmen erweitern muss, um die Verantwortung der Länder für die Bildung herauszustreichen. Im Falle Lübecks ist dies das Land SchleswigHolstein.

Seit Jahren wird dem deutschen Bildungssystem im internationalen Vergleich eine überdurchschnittliche Bedeutung von sozialer Herkunft für den Bildungserfolg bescheinigt. Die Unterschiede werden nicht ausgeglichen sondern verstärkt. Die Bildungsverlierer stehen bereits beim Start fest. Damit werden die Strukturen der Armut verfestigt. Trotz gegenteiliger Absichtserklärung, verschiedener Maßnahmen der Jugendhilfe, des Ausbaus offener Ganztagsangebote im Grundschulbereich und dem Ausbau der vorschulischen Hilfen hat es das Bildungssystem in Schleswig-Holstein nicht verstanden, ausreichend gute Ergebnisse im Fördern zu erreichen. Es sind gleichbleibend hohe Zahlen von Schulabgängern ohne einen für die erfolgreiche Berufsausbildung hinreichenden Abschluss zu verzeichnen. Unabhängig vom Schulabschluss muss ein erfolgreicher Übergang von Schule in den Beruf in den Mittelpunkt der Bemühungen rücken.

Die verantwortliche Landesministerin, Frau Britta Ernst, erhielt Gelegenheit, ihr Konzept dafür darzustellen. Prof. Dr. Kai Maaz vom Deutschen Institut für internationale Pädagogische Forschung hat den Teilnehmerinnen und Teilnehmern den aktuellen Forschungsstand erläutert. Gemeinsam mit Günter Ernst-Basten, Landesvorsitzender des Paritätischen, Wolfgang Baasch, Landesvorsitzder der AWO und Astrid Henke , GEW Landesvorsitzende haben sie im Anschluss auf dem Podium darüber diskutiert.

Fakten zum Thema

  • Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern und ohne Migrationshintergrund machen oft vielfältigere und frühere Erfahrungen nicht-elterlicher Betreuung. Die Unterschiede bestehen schon vor der Schule (Nationaler Bildungsbericht „Bildung in Deutschland“, 2014; Nationales Bildungspanel NEPS).
  • Die Herkunft beeinflusst die Wahrscheinlichkeit, welche Abschlüsse ein Kind machen wird: Kinder mit Migrationshintergrund und aus Nicht-Akademiker-Familien besuchen seltener Schulen, die höhere Abschlüsse ermöglichen / das Gymnasium.
  • 8% der Lübecker hatten laut Zensus 2011 keinen Schulabschluss (SH: 6%, bundesweit 7%), darunter gibt es einen deutlichen Anteil Nicht-Deutscher (Nicht-Deutsche ohne Abschluss: HL 23 %, SH 16%, BRD: 30%).
  • Je geringer der Schulabschluss, desto schwieriger ist es, eine Ausbildung zu finden: 55% der SchulabgängerInnen, die schon mehrere Jahre eine Ausbildung suchten, hatten 2012/13 einen Hauptschulabschluss (2. Bildungsbericht der Hansestadt Lübeck, 2014).
  • Je niedriger der Schulabschluss, desto eher gelangen SchülerInnen ins Übergangssystem: 91% der 2011/2012 neu eingetretenen SchülerInnen ohne Abschluss landen im Übergangssystem (2. Bildungsbericht der Hansestadt Lübeck, 2014).
Britta Ernst

© Olaf Bathke

Gerechte Chancen für beste Bildung – Übergänge gestalten

Britta Ernst, Ministerin für Schule und Berufsbildung des Landes Schleswig-Holstein

Die schleswig-holsteinische Bildungsministerin betonte in ihrem Gastvortrag die Rolle der Bildung für die soziale Gerechtigkeit in einer Gesellschaft.

"Es geht um die optimale Förderung eines und einer jeden Einzelnen. Deshalb müssen wir uns die Übergänge ganz genau ansehen, sonst konservieren wir soziale Benachteiligungen", sagte Ernst. Noch immer spielten Bildungsabschluss und Einkommen der Eltern eine zu große Rolle beim Bildungserfolg der Kinder. "An den Schnittstellen im Bildungssystem entscheiden sich Lebensentwürfe. Es ist Aufgabe von Bildungspolitik hier Unterstützungsangebote zu entwickeln", so die Ministerin.

Die erste große Zäsur erfolgt nach Aussage von Ernst bereits nach der Grundschule beim Übergang in die weiterführenden Schulen. "Wir haben in Schleswig-Holstein an dieser Stelle mit der Einführung des zweigliedrigen Schulsystems aus Gymnasien und Gemeinschaftsschulen, mit dem Ersatz der Übergangsempfehlung durch ein verbindliches Gespräch mit den Eltern und mit der Einrichtung zusätzlicher Oberstufen an den Gemeinschaftsschulen drei entscheidende Schritte auf dem Weg zu mehr Gerechtigkeit im Bildungssystem getan."

Inzwischen schöpften immer mehr Kinder und Jugendliche ihr Bildungspotenzial aus - gerade auch aus Nicht-Akademikerfamilien. "Natürlich muss nicht jedes Kind Abitur machen", sagte Ernst weiter, aber die Jugendlichen sollten auch nicht in ihren Möglichkeiten begrenzt werden. "Außerdem liegt in Schleswig-Holstein die Quote der Absolventinnen und Absolventen mit Hochschulreife bei derzeit 40,6 Prozent, während sie in Hamburg zum Beispiel bei 55,8 Prozent liegt. Da ist noch Luft nach oben."

Als weitere wichtige Schwelle bezeichnete die Ministerin den Übergang von der Schule in den Beruf oder in das Studium. Hier gebe es in Schleswig-Holstein viele gute Ansätze für eine Öffnung der beteiligten Institutionen, für eine bessere Zusammenarbeit und eine größere Durchlässigkeit der Systeme. "Die Einrichtung von Jugendberufsagenturen (JBA) ist dafür ein gutes Beispiel. Dank der Anschubfinanzierung des Landes in Höhe von 200.00 Euro entstehen nun an sechs Standorten - in den Kreisen Schleswig-Flensburg, Nordfriesland, Dithmarschen, Pinneberg und in der Stadt Neumünster und in der Stadt Kiel - Jugendberufsagenturen. Damit Ist Schleswig-Holstein das erste Flächenland, das dieses Modell umsetzt." Dies sei auch ein Beitrag, um die Zahl der Schülerinnen und Schüler ohne Abschluss zur verringern, erläuterte die Ministerin weiter.

"An der Quote der Schulabschlüsse wird ein Bildungssystem gemessen", sagte Ministerin Ernst. In Schleswig-Holstein verließen jedoch noch immer viele Jugendliche ohne grundlegende Fähigkeiten die Schulen, trotz erheblicher Anstrengungen im Bildungssystem. Deshalb habe man unter anderem das Handlungskonzept PLuS (Praxis, Lebensplanung und Schule) entwickelt. "Aus den im Handlungskonzept verankerten 'Flexiblen Übergangsphasen' heraus erreichen jetzt fast 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler den Ersten allgemeinbildenden Schulabschluss und fast ein Viertel geht direkt in eine betriebliche Ausbildung", so Ernst. Es sei Teil des Bildungsauftrages, die Ausbildungsfähigkeit der Jugendlichen zu fördern, diesen Auftrag nehme man in Schleswig-Holstein sehr ernst.

Die Ministerin warb weiter für die duale Ausbildung und eine Gleichwertigkeit von beruflicher Bildung und akademischer Ausbildung. "Beides ist gut und richtig: die duale Ausbildung genauso wie ein Hochschulstudium. Beide Wege führen in der Regel zu einem interessanten, auskömmlichen, sicheren Arbeitsplatz", so die Ministerin.

Autor: BiMi   vom 10.02.2016

Prof. Dr. Kai Maaz

Chancengerechtigkeit – Schulische Bildung und Übergänge?

Prof. Dr. Kai Maaz, Deutsches Institut für internationale Pädagogische Forschung

Auszüge aus dem Vortrag von Prof. Dr. Maaz. Die gesamte Präsentation können Sie am Ende dieses Textes laden.

Chancengerechtigkeit im Bildungssystem: Fiktion oder Realität?
  • Effekte der sozialen Herkunft finden sich in allen Bildungsbereichen bezogen auf die Übergänge, bezogen auf die Bildungsbeteiligung, bezogen auf die Kompetenzstände.
  • Soziale Ungleichheiten des Kompetenzerwerbs nehmen seit PISA 2000 moderat aber kontinuierlich ab
  • Entwicklung neuer Schulstrukturen, die das System offener werden lassen
  • Bedeutung der sozialen Herkunft für den Bildungserfolg ist nachweisbar und bedeutsam, darf aber nicht dramatisiert werden, sie ist ein Merkmal von vielen

Das theoretische Modell findet empirische Evidenz.

Wichtig für Maßnahmen zum Abbau von sozialen Ungleichheiten:

  • Soziale Ungleichheiten werden an Übergängen durch sozial selektive Bildungsbeteiligungen sichtbar, entstehen aber (viel) früher
  • Modelle, Maßnahmen, die nur auf das Entscheidungsverhalten abzielen, greifen zu kurz
  • Mit bedacht werden müssen institutionelle Regelungen (Bewertungssysteme)
  • Hauptursächlich für soziale Ungleichheiten zumindest im Schulbereich sind Leistungsunterschiede, die auf die soziale Herkunft zurückgehen
  • Leistungsunterschiede entwickeln sich langfristig und über Bildungsbereich hinweg

Die Gewährung von gleichen Bildungschancen beginnt im frühkindlichen Bereich.

Es gibt Vergleichsweise wenig empirische Forschung zur Chancengerechtigkeit beim Übergang in Ausbildung. Anders als schulische Übergänge ist der Übergang in Ausbildung von Kontextbedingungen der Region sowie der wirtschaftlichen Lage abhängig.

  • Das Entscheidungsverhalten wird durch das Angebot vorstrukturiert > Verbessern der Angebots-Nachfrage-Relation.
  • Entscheidungsrationalen der Betriebe sind mit unter schwer kalkulierbar > Kumulation von Humankapital als Signal für Leistungsfähigkeit und Passfähigkeit
  • Reduzierung des Übergangssystems > Jugendliche mit max. Hauptschulabschluss
  • Kompetenzen stärken, kognitive und nicht kognitive
  • Berufsvorbereitung durchgängig machen > notwendig aber nicht hinreichend
Chancengleichheit bezogen auf eine Ergebnisperspektive bleibt in einer differenzierten Gesellschaft eine Utopie.
Chancengleichheit bezogen auf die Realisierungschance muss und kann verbessert werden:
  • Institutionelle Barrieren abbauen und Kontextbedingungen berücksichtigen
  • Leistungsunterschiede in den Blick nehmen, diagnostizieren und fördern
  • Maßnahmen zum Abbau sozialer Ungleichheiten nicht ausschließlich auf den Entscheidungs- und Übergangsprozess ausrichten
  • Den gesamten Bildungsverlauf betrachten
  • Eltern als Akteure aktiv einbinden
  • Informieren aller an den Übergängen beteiligten Akteure
  • Früh fördern ist besser als spätes reparieren
Bedeutung von Übergängen
Übergänge gelingen nur,
  • wenn sie von allen Beteiligten ernstgenommen werden.
  • Personen und Institutionen
  • Insbesondere Eltern adressatengerecht informiert werden
  • Leistungsdefizite frühzeitig diagnostiziert werden und
  • Entsprechende Förderinstrumente zum Tragen kommen (innerschulisch und/oder außerschulisch)
Für alle Kinder gilt, Sprache ist der Schlüssel.
Bildungsbiografie
Wann ist ein Bildungsübergang gut verlaufen?
  • Leistungsgerecht
  • Unabhängig von Merkmalen der sozialen Herkunft
  • Optimale Förderung in den jeweiligen Bildungssegmenten
  • Individuelle Verarbeitung des Übergangs (z.B. in neuem Bildungsgang)

Was ist eine gelungene Bildungsbiografie?

  • Gradlinige und zeitsparende Abfolge einzelner Bildungsübergänge?
  • Nutzen von Entscheidungskorrekturmöglichkeiten?
  • Früher Eintritt in den Arbeitsmarkt?
  • Möglichst hoher volkswirtschaftlicher Nutzen?

Forderungen der Lübecker Armutskonferenz

  • Bildung als Wert stärker herausheben und propagieren.
  • Frühes Fördern ist besser als spätes Reparieren: Stärkung von Angeboten der Frühen Hilfen. Bessere personelle Ausstattung von Kitas in Sozialen Brennpunkten.
  • Kooperation zwischen Schule, Angebotsträgern und Jugendhilfe verbessern
  • Eigenständige Kinder-Grundsicherung
  • Den Bildungsgang von Kindern von einer Stelle verfolgen und ggfls. beeinflussen.
  • Ausbau gebundener Ganztagsangebote an Gemeinschaftsschulen in sozialen Brennpunkten. Verbesserung der Angebote offener Ganztagsschulen in personeller und räumlicher Ausstattung. 
  • Mehr Jugendliche direkt in Ausbildung! Daher: Aufbau einer Jugendberufsagentur unter Einbeziehung der Partner Agentur für Arbeit, Jobcenter und Hansestadt Lübeck. Hierbei sollte das Schulamt und der Bereich Jugendhilfe aktiv in der JBA vertreten sein. Frau Ministerin Ernst: “Schulen müssen dabei sein!“

Die Veranstalter: Arbeiterwohlfahrt Lübeck,  Caritas-Verband Lübeck e.V., Der Paritätische KV Lübeck, DGB-Region Schleswig-Holstein Südost, Forum für Migrantinnen und Migranten, Frauenbüro der HL, Gemeindediakonie Lübeck, Jobcenter Lübeck, Sprungtuch e.V.


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14.03.2016
Britta Ernst, Ministerin für Schule und Berufsbildung des Landes Schleswig-Holstein

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14.03.2016
Prof. Dr. Kai Maaz, Deutsches Institut für internationale Pädagogische Forschung

Chancengerechtigkeit – Schulische Bildung und Übergänge?

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